Sie sind hier: Startseite / Erfahrungsbereiche / Brustkrebs / Personen / Heike Tschirner / Heike Tschirner fühlt sich wie auf einem Schleudersitz. Pläne macht sie maximal für sechs Monate.

Heike Tschirner fühlt sich wie auf einem Schleudersitz. Pläne macht sie maximal für sechs Monate.

Und wie ist das für Sie, wenn Sie das so klar haben, was passiert? Jetzt haben Sie ja die Diagnose bekommen, dass Sie Metastasen haben-

Das ist ein Sprungbrett, es hat etwas von einem Schleudersitz und die Fernbedienung zu dem Schleudersitz hat aber jemand Unbekanntes. Ich weiß nie, wann die Bombe platzt.
Es gibt jetzt gerade eine Studie: Jede achte Frau mit Brustkrebs lebt noch zwanzig Jahre, also mit Brustkrebs in Stadium IV, mit den Metastasen in diesen ganzen Organen, lebt noch zwanzig Jahre. Man konnte aber keinen Zusammenhang feststellen, man weiß nicht, woran es liegt. Also meine Lebenserwartung liegt jetzt, ich sage jetzt einmal, zwischen fast schon "normal", was ein Wunder wäre, aber es ist nicht auszuschließen, und zwischen "ich fall morgen tot um". Es ist beides drin. Ich muss irgendwie auch auf beides eingestellt sein. Aber ich kann nicht ständig mit dem Gedanken im Kopf leben, "morgen falle ich tot um". Dann könnte ich ja nichts mehr planen, mir nichts mehr vornehmen.
Und ich habe aufgehört, auf sehr lange Frist zu planen, ich habe so, ich sage jetzt einmal, zwischen drei und sechs Monaten ist so das Maximum dessen, was ich versuche, zu planen. Das finde ich aber ganz in Ordnung so, das finde ich nicht weiter schwierig. Aber im Hinterkopf halt mit dem Wissen, es kann auch noch zwanzig Jahre dauern. Rein theoretisch kann es auch sein, ich werde noch relativ normal fast alt. Und das ist nicht leicht, das zwischen "ich fall morgen tot um" und "ich lebe noch fast normal lange". Also einfach was Lebensalltag und Planung anbelangt, das ist- Ja. Ich kann jetzt nicht planen, ich spare jetzt auf einen riesen- Ich will noch irgendwo hin und spare jetzt da drauf und in fünf Jahren habe ich- Das wäre Schwachsinn. Und viele Dinge mache ich dann, wenn es mir danach ist, weil jetzt weiß ich, jetzt kann ich es, und dann mache ich es auch.
Letztes Jahr: Fallschirmsprung. Das war so eine Geschichte, da habe ich mir auch gesagt, es ist mir völlig egal, was für gesundheitliche Risiken- Ich will einmal im Leben mit dem Fallschirm gesprungen sein und das habe ich auch gemacht. Und so gibt es Dinge, jeder Mensch hat Dinge, die er immer mal tun wollte, wo man wegen Beruf, Kinder, was auch immer nicht dazu kommt, keine Zeit hat, wo es einfach nicht funktioniert. Und die Dinge, die mache ich jetzt ganz bewusst. Wo ich sage- Ich war jetzt im Herbst noch mal drei Tage alleine Zelten, da haben auch alle gesagt: "Oh, willst Du es nicht erst Mal hier in der Nähe ausprobieren und-". Nein, ich will ans Meer und dafür habe ich mir das Zeug zugelegt und ich fahre jetzt und ich fahre alleine und ich habe das auch gemacht. Ich war völlig kaputt und fertig hinterher, aber ich habe es durchgezogen.
Und, ja, das finde ich wichtig, dass man diese Dinge auch tut und nicht immer: "Ha, ich würde gerne" und "hätte ich doch nur". Machen. Jetzt. Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn ich trotzdem noch zwanzig Jahre lebe, ist ja cool, da kann ich noch ganz viele solche Dinge machen, aber ich darf halt nicht wirklich feste damit rechnen oder davon ausgehen.
Ist ein komisches Gefühl. Aber kein Mensch weiß, auch ein Gesunder weiß ja nicht, wie lange er noch lebt. Das ist- Bei mir gibt es jetzt halt und gäbe es jetzt nur oder gibt es nachgewiesenermaßen plausible Gründe, dass ich nicht an Altersschwäche sterben werde. Aber viel mehr Unterschied ist es auch nicht.

Artikelaktionen