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Mitsprachemöglichkeiten in der Reha

Nach ihren Erzählungen konnten unsere Interviewpartner bei ihrer Reha je nach Klinik in sehr unterschiedlichem Ausmaß ein Mitspracherecht wahrnehmen. Dies konnte sich auf folgende Punkte beziehen:

  • Wahl der Reha-Form (ambulant/stationär) und der Reha-Einrichtung bei der Beantragung (siehe Wahl der Reha-Einrichtung und des Zeitpunktes)
  • In begrenztem Umfang beim Zeitpunkt der Reha (wird mit der Reha-Einrichtung abgestimmt)
  • Festlegung der Ziele der Reha im Erst-/Aufnahmegespräch
  • Zusammenstellung des Therapieplans im Erst-/Aufnahmegespräch
  • und Veränderung des Therapieplans im Verlauf der Reha (meist im Rahmen der Arztgespräche)
  • Mitgestaltung während der Therapien/Angebote

  • Wahl von freiwilligen Angeboten und Gestaltung des selbstständigen Trainings
  • Sitzplatzwahl beim Essen (in den Einrichtungen unterschiedlich gehandhabt)
  • Mitsprache bei Verlängerung der Reha im Arztgespräch (siehe Verlängerung und Ende der Reha)
  • Formulierung von gesundheitsrelevanten (z.B. Diät) oder sonstigen individuellen Bedürfnissen (ruhiges Zimmer), Abmelden vom Essen oder am Wochenende bei den zuständigen Ansprechpartnern der Einrichtung (siehe Reha-Ablauf und Behandlungsplan)
  • Beschwerden vorbringen (individuell oder in standardisierten Rückmeldebögen)
  • Teilnahme an Nachsorgeprogrammen

Oliver Schmittke merkte in der Reha, dass man selbst dafür sorgen muss, dass es einem gut geht.

 

Mitsprache bei der Erstellung des Behandlungsplans und der Reha-Ziele
Nach den Berichten unserer Erzähler wurden sie sehr unterschiedlich über Mitsprachemöglichkeiten in der Reha informiert oder explizit zum Äußern von Wünschen und Bedürfnissen eingeladen. Einige berichten von standardisierten Formen der Befragung z.B. durch Fragebögen zu ihren Zielen, die sie vor Reha-Beginn oder eingangs ausfüllen sollten. Manche ärgerten sich, als sie merkten, dass ihre vorab ausgefüllten Fragebögen offenbar nicht gelesen und berücksichtigt wurden (z.B. bei Nahrungsmittelunverträglichkeiten).

Vereinbarung und Veränderungen des Therapieplans fanden für die meisten im Aufnahmegespräch und den folgenden Arztgesprächen statt. Hier fühlten sich viele ausdrücklich eingeladen, ihre Ziele, Wünsche und Bedürfnisse zu nennen und gemeinsam einen Therapieplan festzulegen bzw. im Verlauf der Reha anzupassen.

Claudia Gross war vom Aufnahmegespräch positiv überrascht, als die Ärztin sich viel Zeit nahm und sie ihre Wünsche äußern durfte.

Da ihr Arzt nicht richtig wusste, was er ihr aufschreiben sollte, machte Brigit Voigt selbst Vorschläge, was sie gerne während der Reha machen würde.

Auch das Ausmaß des Wunsches, die eigenen Bedürfnisse und Vorstellungen einzubringen, variierte bei unseren Interviewpartnern stark. Einzelne übernahmen gerne vollständig die Empfehlung der Ärzte/Therapeuten, vor allem dann, wenn sie von deren Kompetenz und Fürsorge überzeugt waren. Ebenso erzählen einige, dass die Aussicht auf eine spätere Mitsprache es ihnen erleichterte, Angebote auszuprobieren, die sie selbst nicht gewählt hätten. Katja Scholz berichtet, wie ihre Therapeutin ihr gesagt habe, dass das, wogegen man sich am meisten sperre, oft das sei, was einem am meisten helfe; dies konnte sie bestätigen.

Torsten Brandt konnte bei der Visite auf den Therapieplan Einfluss nehmen und war begeistert, dass Ärzte und Therapeuten sahen, wo er gerade stand.

Sven Winkler fand es toll, dass der behandelnde Arzt ihm im Erstgespräch sagen konnte, welche Therapien für ihn in Frage kämen und welche nicht.

Viele unserer Interviewpartnerinnen schildern jedoch, dass sie sich gewünscht hätten, deutlich mehr über Mitsprachemöglichkeiten informiert zu werden und dass sie den Eindruck hatten, während der Reha für sich und ihre Anliegen kämpfen zu müssen. Manche berichten, dass sie gar nicht gefragt oder angehört wurden, nicht über das Angebotsspektrum informiert wurden, wenige Möglichkeiten zum Gespräch oder zur Rückmeldung hatten oder ihre Ansprechpartner als überlastet oder inkompetent erlebten. Einige fühlten sich auch überfordert oder zu schwach, um etwas zu erbitten oder einzufordern, oder hatten Angst, zur Last zu fallen.

Obwohl Andrea Schäfer dem Arzt ihre Beschwerden und Schwierigkeiten nannte, trug er sie für Therapien ein, die ihr nicht gut taten.

Bernd Watke hätte sich einen festen Ansprechpartner gewünscht und fand die seltenen Arzttermine nicht ausreichend.

 

Mitgestaltung während der Therapien/Angebote
Auch innerhalb einer Therapie/ eines Angebotes erlebten unsere Erzähler in unterschiedlichem Ausmaß, dass sie diese mitgestalten konnten. Manche konnten in eigener Verantwortung ihre Fragen, Anliegen oder Grenzen einbringen:

  • Sie dosierten selbst, wie stark sie eine Übung mitmachen wollten.
  • Sie wählten den Schwierigkeitsgrad einer Übung aus.
  • Sie machten Pausen und entschieden, sich nicht hetzen zu lassen.
  • Sie meldeten zurück, wenn sie überfordert waren oder eine Behandlung unangenehm war.
  • Sie hielten persönlich Rücksprache, um eine Übung zu modifizieren, sie wegzulassen oder sich besser erklären zu lassen.
  • Sie versuchten, sich einzulassen um zu erfahren, ob sie von einer zunächst abgelehnten Übung/Therapie doch profitieren konnten.
  • Sie entschieden selbst, wieviel sie von sich erzählen und preisgeben wollten.
  • Sie stellten offensiv Fragen oder brachten eigene Erfahrungen als Beispiele ein.
  • Sie wählten in Großgruppen einen unauffälligen Platz weiter hinten, um nicht aufzufallen und die Übungen nur punktuell mitmachen zu können.

Manche sahen bei einzelnen für sie unpassenden Angeboten keine Einflussmöglichkeit und saßen daher die Veranstaltung nur ab, um hinterher ihre Anwesenheit bestätigt zu bekommen (siehe Umgang mit Anwesenheitspflicht und Kontrolle).

Julia Sommer sprach mit dem Leiter der Laufgruppe ab, eine Abkürzung zu laufen.

Klaus Teschner entschied bei den Übungen selbst, wie sehr er an seine Grenzen gehen wollte.

 

Veränderung des Therapieplans bei Über- oder Unterforderung oder Fehlanforderung
Viele unserer Erzähler machten die Erfahrung, dass für sie im Verlauf der Reha Änderungen im Behandlungsplan notwendig wurden. So konnten sie sich überfordert fühlen, z.B. durch zu viele Termine oder zu anstrengende Abläufe. Andere fanden, dass sie zu wenig oder falsche Therapien erhielten.

Aufgrund der üblichen Anwesenheitspflicht bei den Therapien war es notwendig, Änderungswünsche abzusprechen. In der Regel machten unsere Interviewpartner die Erfahrung, dass der Therapieplan problemlos geändert werden konnte und ihre Wünsche Berücksichtigung fanden.

Adeline Whisper machte die Erfahrung, dass es gut war Bescheid zu sagen, wenn ihr etwas zu viel wurde.

Pauline Blume konnte absprechen, nicht mehr am Schwimmen teilnehmen zu müssen.

 

Strategien, um Mitspracherechte einzufordern
Einige Erzähler geben Tipps, wie man seine Anliegen und Bedürfnisse zu Gehör zu bringen kann. So sollte man sich vorher gründlich und frühzeitig über das Angebotsspektrum der Einrichtung informieren, um bereits im Aufnahmegespräch Wünsche deutlich machen zu können, und sich vor Augen halten, dass man während einer Reha für sich eintreten muss. Sie raten auch, Probleme mit einem Therapeuten oder einer Therapie diplomatisch und nicht kränkend zurückzumelden. Katharina Maulwurf machte einmal eine Reha als Selbstzahlerin, um das Programm völlig frei bestimmen zu können.

Michael Hanter notierte seine Anliegen für die Arztgespräche auf einen Zettel und konnte so – trotz geringer Fragen durch den Arzt – seine Punkte ansprechen.

Britta Eyfried sagt, dass man den Ärzten unbedingt rückmelden soll, welche Therapie einem etwas bringt und welche nicht.

 

Grenzen der Mitsprache
Manche nutzten auch die Möglichkeit der Mitsprache, indem sie Rückmeldebögen ausfüllten oder sich gesondert beschwerten, z.B. beim Personal oder der Klinikleitung (siehe Herausforderungen und Schwierigkeiten in der Reha). Einige unserer Interviewpartner üben auch grundlegende Kritik am Gesundheits- und Reha-Wesen, weil sie erlebten, dass die Mitsprachemöglichkeiten im Reha-Alltag sehr eingeschränkt waren und das Klima durch Kostendruck und Kontrollen geprägt war.

Tobias Brenk beklagte sich beim Chefarzt, dass das Standardprogramm der Reha Mist sei. Dieser stimmte ihm zu.

Heike Tschirner findet, dass die Leute für dumm verkauft werden, weil die propagierte Mitsprachemöglichkeit aus Kostengründen gar nicht möglich ist.

Einige unserer Gesprächspartner zeigen jedoch auch Verständnis dafür, dass individuelle Bedürfnisse in der Reha nur in begrenztem Ausmaß berücksichtigt werden können und sahen zumindest das Bemühen der Reha-Einrichtung, auf die Patienten individuell einzugehen. Manche fühlten sich eher gestört durch die häufigen Fragen, Klagen oder Forderungen von anderen Mitpatienten und waren froh, dass die Therapeuten hier auch Grenzen setzten.

Michael Ruf hat Verständnis, dass in dem straff organisierten Reha-Betrieb eine Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse nur bedingt möglich ist.

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