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Psychische Folgen und psychologische Unterstützung

Das Leben mit einer Epilepsie kann sich durch die Belastungen durch die Anfälle und die Medikamente, aber auch durch die Folgen für den Alltag und die Lebensplanung auch auf die psychische Befindlichkeit der betroffenen Menschen auswirken. Sie empfinden zeitweise Niedergeschlagenheit oder Traurigkeit, Antriebslosigkeit, rasche Stimmungsschwankungen und Aggressivität oder auch Phasen von hoher Energie, Unruhe und gehobener Stimmung. Viele unserer Erzähler berichten, dass dies vor allem am Anfang der Fall war, als sie sich an die Erkrankung gewöhnen mussten, aber auch in Phasen mit häufigen Anfällen und der Unsicherheit, wie es weitergehen soll, oder bei Medikamentenwechsel. Eine weitere häufige Begleiterscheinung bei vielen unserer Erzähler war die Angst vor erneuten Anfällen mit ihren unangenehmen Begleiterscheinungen und Risiken, die nie ganz aus dem Lebensgefühl verschwindet.

Beate Pohl schildert, wie sie sich früher während depressiver Phasen fühlte

Einige Erzähler, die schon seit längerem keine Anfälle haben, schildern, dass mit der Anfallsfreiheit für sie fast ein neues Leben anfing und sich die Epilepsie kaum noch oder gar nicht mehr auf Stimmungen und ihre psychische Situation auswirkt (siehe Thementext "Anfallsfreiheit").

Von den anderen, die nach wie vor mit Anfällen leben, berichten einige, dass die Erkrankung erheblich auf ihr Lebensgefühl und ihre Stimmungslage Einfluss nimmt.

Hierfür gibt es vielfältige Ursachen.

Zum einen kann die Stimmung sich durch den Anfall selbst verändern, was sich meist vorher oder nachher bemerkbar macht. Andreas Bergmann schildert, dass nach Anfallsclustern noch tagelang seine psychische Befindlichkeit verändert ist. Zum anderen haben einige Medikamente bei manchen Personen direkten Einfluss auf Stimmung, Lebensfreude und Wachheit. Viele unserer Interviewpartner erzählen, dass sie unter bestimmten Antiepileptika depressiv oder aggressiv wurden oder bei Wechsel des Medikaments plötzlich wieder neuen Schwung und ein positives Lebensgefühl bekamen (siehe auch Thementext „ Medikamente und Nebenwirkungen“).

Bei Frank Hermann nimmt mit jedem Jahr Anfallsfreiheit die Sicherheit zu. Dennoch sieht er sich noch als Epilepsiepatient.

Anja Bauer schildert, wie sie durch ein neues Medikament wieder auflebte.

Kirsten Arnold erzählt, wie sie durch die medikamentenbedingte Müdigkeit Depressionen bekam.

Weiterhin können die Folgen der Epilepsie sich so negativ und bedrückend auf die Lebensumstände und Lebenspläne auswirken, dass die betroffenen Personen dadurch gefühlsmäßig sehr beeinträchtigt werden. Einige unserer Erzähler konnten durch das Auftreten der Epilepsie ihren Beruf nicht mehr ausüben (siehe Thementext Berufstätigkeit und Berentung) oder die Familie zog sich von ihnen zurück (siehe Thementext Partnerschaft und Sexualität), so dass sie zumindest eine Zeit lang psychisch sehr belastet waren.

Für Martin Krüger ist die berufliche Aussichtslosigkeit sehr bedrückend.

Bettina Reinhard erzählt, wie durch den ersten Anfall erst einmal alle Zukunftspläne wie eine Seifenblase platzten.

Einige, die schon als Kinder mit einer Epilepsie leben mussten, schildern, wie ihre Kindheit durch die übergroße Besorgnis der Eltern oder durch Hänseleien belastet war, so dass sie auch noch als Erwachsene damit zu kämpfen haben.

Monika Schulz erzählt, wie sie die Hänseleien in der Kindheit verinnerlichte, und wünscht sich Selbstvertrauen.

In vielen Situationen ist es für die Personen schwierig, zu entscheiden, welche Ursachen für die psychischen Belastungen verantwortlich zu machen sind. Meistens wirken körperliche Situation, Medikamente, Operationsfolgen, Lebensumstände und Anfall zusammen und verstärken oder mildern sich wechselseitig. Einige berichten, wie Verbesserungen bei einer dieser Ursachen wieder zu einer allgemeinen Erholung führen konnten und das Leben sich in allen Aspekten wieder stabilisierte.

Cornelia Schmitt fragt sich, warum sie seit einigen Jahren nach den Anfällen depressive Verstimmungen hat.

Katharina Sommer fand, dass ihr Stimmung davon abhängt, ob sie viele Anfälle hat und ob sie Leerlauf vermeiden kann.

Claudia Hartmann erzählt, wie sie durch psychische Belastungen Depressionen bekam, bis sie Hilfe annehmen konnte.

Manche unserer Erzähler befürchten, dass die Epilepsie sie als Person veränderte. Einige sind der Meinung, dass die Erkrankung unter dem Strich einen sehr positiven Effekt auf sie gehabt habe, da sie sehr viel für ihr Leben daraus lernen konnten und sie sich ihrer Werte bewusst wurden.

Anna Blum fand sich nach der Operation verändert und brauchte eine Ruhephase und Therapie, um wieder die Alte zu werden.

Für Aylin Stein hat sich ihr Leben durch die Epilepsie verändert, aber nicht ihre Person.

Florian Beck findet, dass er seinen Anfällen gegenüber härter geworden ist.

Katharina Sommer denkt, dass sie ohne die Epilepsie eine stinknormale und langweilige Jugendliche geworden wäre.

Viele unserer Erzähler betonen, wie wichtig eine psychologische Beratung oder Psychotherapie in den schwierigen Phasen für sie gewesen sei, und empfehlen auch anderen Menschen mit Epilepsie, sich auf jeden Fall fachliche Unterstützung zu holen. Manche nahmen die Hilfe nur kurz in Krisen- oder Entscheidungssituationen in Anspruch, andere nutzten die Therapie, um grundlegende Fragen in ihrem Leben mit und ohne Bezug zur Epilepsie zu klären oder sich mit psychotherapeutischer Hilfe einen Lebensstil zu erarbeiten, mit dem sie sich wohler fühlten und mit der Erkrankung besser umgehen konnten. Für einige ist die Psychotherapie eine wesentliche Stütze im Leben, da sie dort auch Dinge besprechen können, mit denen sie die Familie nicht belasten möchte, oder weil sonst kaum Ansprechpartner vorhanden sind.

Angelika Koch fand es hilfreich, von Anfang an Psychotherapie zu haben.

Anna Blum war es sehr wichtig, die Wirkungen der Medikamente auf ihren Körper in der Psychotherapie zu reflektieren.

Susanne Schäfer schildert, wie sie sich in der Psychotherapie hilfreiche Umgangsweisen erarbeitete.

Einige Erzähler fanden es schwierig, Psychotherapeuten zu finden, die sich gleichzeitig auch mit Epilepsie auskannten. Zwei Interviewpartner erzählen, wie sie sich über Therapeuten ärgerten, die hinter ihren Anfällen psychische Konflikte vermuteten und ihnen dazu Vorstellungen aufdrängen wollten, die sie abwegig fanden. Viele machten gute Erfahrungen mit den Psychologen in Fachzentren für Epilepsie.

Einige beklagten die langen Wartezeiten, die man auf sich nehmen muss, bis man bei einem Psychotherapeuten angenommen wird

Dagmar Schuster berichtet, wie schwer es ist, einen Psychotherapieplatz zu bekommen.

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