Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Erfahrungsbereiche Chronischer Schmerz Themen Auswirkungen in Alltag und Leben Arbeit und Beruf

Arbeit und Beruf

Der größere Teil unserer Erzähler war zum Zeitpunkt des Interviews bereits berentet (siehe „Ende der Arbeitstätigkeit“). In allen Schilderungen nahm das Thema des Arbeitens unter Schmerzen einen großen Raum ein. 

Zwischen Arbeit und Schmerzen lässt sich in unseren Interviews eine Wechselbeziehung erkennen. Zum einen führen viele Erzähler die Entwicklung ihrer Schmerzerkrankung  ursächlich auf die Art ihrer Arbeit zurück. Dies konnte zum Beispiel darauf beruhen, dass sie Zeit ihres Berufslebens schweren körperlichen Belastungen ausgesetzt waren. Hier spielten vor allem das Tragen schwerer Lasten und das Arbeiten in Haltungen, die ungünstig für den Bewegungsapparat waren und zu Verschleißerscheinungen führten, eine vorrangige Rolle. Auch lange Arbeitszeiten am PC konnten wegen der Haltung und Daueranspannung zum Problem werden. Andere Erzähler meinten, dass vor allem beruflicher Stress durch Überforderung, zu lange Arbeitszeiten ohne entsprechende Erholung, Spannungen am Arbeitsplatz oder hohe Verantwortung zum Entstehen der Schmerzerkrankung ursächlich  beigetragen hätten.

Markus Becker erzählt, wie die Arbeitsbelastungen wie eine Kettenreaktion zu der Schmerzerkrankung beitrugen.

Susanne Maurer fand die Belastungen als Straßenbahnfahrerin für ihren Rücken problematischer als die Arbeit auf dem Bau.

Zum anderen wirkten sich die Schmerzen negativ auf die Arbeitsfähigkeit aus. Oft wurde es unmöglich, eine geregelte Arbeitszeit aufrecht zu halten, und die Arbeit selbst wurde wegen der Schmerzen und der Erschöpfung zur Qual. Viele berichteten, dass vor allem Konzentration, Energie und die Fähigkeit, auf andere Menschen einzugehen, nachließen, Reizbarkeit und das Bedürfnis nach Rückzug und Ruhe zunahmen. Viele körperliche Tätigkeiten waren wegen der Schmerzen nicht mehr ausführbar. Amely Hoffmann erzählt, wie ihre Kunden erschraken, als sie erstmals eine Schmerzattacke miterlebten. Häufig ließ sich die Arbeit nur mit Einnahme von Medikamenten bewältigen, was wiederum zu Müdigkeit und Konzentrationsverlust führte und ernsthafte Probleme nach sich ziehen konnte, wenn die Betroffenen z.B. für ihre Arbeitstätigkeit ein Auto führen mussten. Maria Schmitz und Daniela Klein berichteten von der Befürchtung, dass ihnen wegen der Schmerzen am Arbeitsplatz Fehler unterlaufen könnten. Oft setzten sie alle Kräfte in die Aufrechterhaltung ihrer Arbeitsfähigkeit ein, so dass sie abends und am Wochenende völlig erschöpft waren und keine Kraft mehr für familiäre oder Freizeitunternehmungen blieb. Alle bemühten sich darum, ihr berufliches Umfeld nicht unter ihren Schmerzen mitleiden zu lassen.

Daniela Klein schildert, wie schwer es auszuhalten ist, wenn man nicht so arbeiten kann wie man möchte.

Monika Roth erzählt, wie sie versuchte, die Schmerzen in ihrem Arbeitsalltag nicht zum Tragen kommen zu lassen.

Viele unserer Erzähler sahen sich in der Sackgasse, dass sie einerseits sehr gern arbeiten wollten und die Arbeit auch ein Mittelpunkt ihres Lebens war, andererseits erkannten, wie die Arbeit zum Fortschreiten ihrer Schmerzen beitrug oder anerkennen mußten, dass sie nicht mehr zu schaffen war. Häufig konnten sie sich nur nach langen und oft qualvollen Jahren oder mehreren Wiedereingliederungsversuchen von der Arbeit trennen (siehe „Ende der Arbeitstätigkeit“).

Klaus Fischer wurde von den Kollegen bei schwereren Arbeiten unterstützt, arbeitete aber so lange, bis gar nichts mehr ging.

Nicht bei allen erfüllte sich die Hoffnung, dass sich ihre Schmerzen nach Beendigung der Arbeitstätigkeit bessern würden. Während einige tatsächlich unter weniger Belastung eine Verbesserung erlebten, wirkte sich die Arbeitsentlastung bei anderen gar nicht aus. 

Renate Schröder musste nach Beendigung der Arbeit feststellen, dass sich an ihren Schmerzen nichts änderte.

Einige Erzählerinnen berichteten, wie sehr sie sich schämten, dass sie ihre Arbeit nicht mehr so ausführen konnten, wie sie das von sich gewohnt waren. Zu den Scham- und Schuldgefühlen trug auch das Gefühl, bei, dass ihre Umwelt ihnen ihre Schmerzen nicht abzunehmen schien  und unterstellte, sie wollten gar nicht arbeiten. Auch wohlwollende Kollegen konnten sich oft nicht in die Probleme mit der Schmerzerkrankung eindenken.

Daniela Klein beklagt, dass man Schmerzpatienten unterstellt, sie seien arbeitsscheu.

Beate Schulte findet es sehr schwierig, den Arbeitskollegen zu vermitteln, warum sie eine Klinikbehandlung braucht.

Bei vielen Erzählern beeinträchtigte oder beendete  die Schmerzerkrankung ihre Berufskarrieren und –möglichkeiten. So wurde zum Beispiel der Erwerb von Zusatzqualifikationen zu belastend. Bei Brigitte Obrist begannen die Schmerzattacken, als sie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere als gesuchte Fachfrau war. Die unsichere Arbeitssituation zog oft Existenz- und Zukunftsängste nach sich. Vor allem die jüngeren Erzähler hofften, sich ihre Arbeitsfähigkeit noch so lange wie möglich erhalten zu können, so dass die Bemühungen darum im Mittelpunkt ihres Lebens standen und alle Kräfte aufsaugten.

Einigen unserer Erzähler gelang es, oft mit therapeutische Hilfe, ihre Arbeitssituation so zu verändern, dass sie besser damit zurecht kamen. Dies bedeutete bei einigen Berufswechsel oder Reduktion der Arbeitszeit, um Erholungszeiten einzubauen. Andere konnten an ihrer Arbeitsstelle auf einen weniger belastenden Bereich wechseln. Ein Interviewpartner entwickelte aus einer ehrenamtlichen Tätigkeit sogar eine neue Existenz. Auch eine Veränderung der inneren Einstellung zur Arbeit half, manchen Stress zu verringern. Jutta Behrens schuf sich durch die Anpassung ihrer Büroausstattung eine deutliche Verbesserung.

Maria Schmitz erzählt, wie sie nach einer Krankheitsphase lernte, ihren Beruf anders aufzufassen.

Clemens Hofmann hatte die Chance, im Betrieb als Schichtleiter weniger zupacken zu müssen.

Ursula Bach erzählt, wie sie am Arbeitsplatz ihre Arbeit etwas anpassen konnte.

Von zentraler Bedeutung für die Arbeitssituation war für die meisten, wie die Kollegen und Vorgesetzten mit den Folgen der Schmerzerkrankung, vor allem den häufigen Fehlzeiten und der eingeschränkten Einsatzfähigkeit umgingen. Hier waren die Erfahrungen extrem unterschiedlich. Bei einigen waren das Kollegenteam und die Chefs hilfreich und verständnisvoll und sprangen auch selbst ein, um zu entlasten. Andere fühlten sich sehr stark unter Druck gesetzt und erlebten, dass sie keinerlei Rücksicht erfuhren oder die Kollegen sie sogar hänselten. Oft war es schwierig abzuschätzen, wieviel Rücksichtnahme man von den anderen erwarten durfte, wenn die Arbeitsbedingungen verlangten, dass alles funktionieren musste. Christoph Scholz fand, dass seine ehrliche Aufklärung über seine Situation ihm bei Chef und Kollegen eher zum Nachteil gereichte, weil die Ursache der Schmerzen noch unklar war.

Tanja Werner erzählt, wie sie vom Chef und den Kollegen bei der Arbeit sehr unterstützt wurde.

Franz Albrecht erzählt, dass sein Chef eher unwillig reagierte, während eine selbst betroffene Kollegin ihn verstand.

Artikelaktionen