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Die Erfahrungen von Anja Kaiser

Portrait Anja Kaiser ist 40 Jahre alt und war vor ihrer Schmerzerkrankung in der Motorradbranche tätig. Ihre Schmerzen der gesamten Wirbelsäule sind Folge eines schweren Autounfalls vor zwei Jahren.

Bei dem Unfall erlitt sie ein Schleudertrauma und schwere Stauchungen und Blutungen im ganzen Rückgrat, deren Ausmaße erst in den folgenden Monaten erkannt wurden. Anja Kaiser hat den Eindruck, dass ihre Verletzungen zunächst auch von ärztlicher Seite nicht hinreichend ernst genommen wurden, so dass die angemessene Diagnostik und Therapie sich verzögerten.

Nach über einem halben Jahr wurde ein Bandscheibenvorfall entdeckt und ein Arzt teilte ihr mit, dass sie mit bleibenden Folgen rechnen müsste. Ihr Leben wurde bestimmt von Therapien und Arztbesuchen. Neben den Medikamenten standen vor allem Krankengymnastik und Bäder zur Mobilisation im Vordergrund, die oft nur mit Qualen zu ertragen waren. Sie merkte, dass nicht nur die Schmerzen Bewußtseinsveränderungen verursachten, sondern auch die Medikamente mit ihren Entzugserscheinungen. Freizeit, Partnerschaft, Freundeskreis, Körpergefühl, Sexualleben, Zukunftsträume – alles geriet unter die Herrschaft der Schmerzen, bis sie sich selbst nicht wiederzuerkennen glaubte. Am schlimmsten war für sie das Gefühl, in ihrem sozialen Umfeld unverstanden zu sein, nicht mehr gebraucht zu werden und zu erleben, dass ihr ganzer beruflicher Einsatz umsonst gewesen war. Nach einem Tiefpunkt, an dem sie in ihrer Verzweiflung zu viele Tabletten nahm, konnte sie in eine Schmerzklinik gehen und dort Hilfe bekommen.

Anja Kaiser beschreibt einen langen Lernprozess, sich damit zu arrangieren, dass sie mit den Schmerzen leben muss und eine Besserung weder durch Willenskraft noch durch Selbstverachtung erzwingen kann. Nach ihrer Erfahrung begann die Besserung erst, als sie mit dem Hadern aufhörte und auch die Hilflosigkeit ihres sozialen Umfelds verstehen konnte.

Den Besuch einer Schmerzgruppe erlebte sie als große Erleichterung: zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, niemandem etwas vormachen zu müssen. Der Kontakt mit anderen Schmerzpatienten wurde eine wichtige wechselseitige Unterstützungsmöglichkeit. Psychologische Betreuung half ihr bei der Überwindung der Selbstzweifel und der Vereinsamung. Ihr Ziel, wieder lachen zu können, konnte sie erreichen und darüber hinaus kann sie jetzt auch andere Schmerzpatienten zum Lachen bringen. Den Schmerz betrachtet sie wie ein Haustier, um das man sich kümmern muss, bei dem man aber immer noch der Chef ist. Einige therapeutische Möglichkeiten hat sie noch nicht ausprobiert, um sie für den Fall einer Verschlimmerung zur Verfügung zu haben. Eine große Hilfe durch Geduld und Verständnis ist ihr neuer Partner, mit dem sie seit kurzem auch verheiratet ist. Er weiß seit einem eigenen Unfall selbst, was es bedeutet, Schmerzen zu haben.

In mancher Hinsicht findet sie, dass es ihr besser geht als vor dem Unfall: sie hat durch das Leben mit dem Schmerz begriffen, dass sie viel stärker ist, als sie geglaubt hatte.

Das Interview wurde im Sommer 2009 geführt.

 

Alle Interviewausschnitte von Anja Kaiser

Anja Kaiser betont, dass Behandelnde und Behandelte Verständnis für einander aufbringen müssen.

Anja Kaiser erzählt, dass ihr die Abhängigkeit von den Medikamenten und ihre Nebenwirkungen zu schaffen machen.

Anja Kaiser erzählt, dass ihre Mutter darunter litt, ihr nicht helfen zu können.

Anja Kaiser erzählt, wie manchmal alles zusammenbricht, sie aber trotzdem wieder träumen und hoffen kann.

Anja Kaiser erzählt, wie sie aufgrund der Medikamente zunächst überhaupt keine Lust auf Sexualität mehr verspürte.

Anja Kaiser erzählt, wie wichtig ihr die psychologische Behandlung ist, auch wenn das andere nicht verstehen.

Anja Kaiser findet es so hilfreich, dass in der Schmerzgruppe keiner dem anderen etwas vormachen muss.

Anja Kaiser genießt ihre Sexualität inzwischen sogar sehr viel mehr als zuvor.

Anja Kaiser hat festgestellt, dass Menschen mit chronischen Schmerzen in ihrem Leben stehen bleiben, während die anderen weitergehen.

Anja Kaiser hat gelernt, trotz der Schmerzen wieder mobiler zu werden.

Anja Kaiser kam sich vor wie eine Simulantin, da der Arzt ihre Beschwerden zuerst nicht ernst nahm.

Anja Kaiser kam zu einem guten Arzt, der sagte, er könne ihr nicht weiterhelfen und sie an ein Spezialzentrum überwies.

Anja Kaiser meint, dass man von den anderen Menschen nicht zu viel verlangen darf und vor allem nicht aufhören darf, sich mitzuteilen.

Anja Kaiser rät, kleine Ziele zu setzen, nicht an der Vergangenheit fest zu halten und die Tage mit geringem Schmerzlevel zu genießen.

Anja Kaiser sieht es als große Stärke der Schmerzpatienten an, trotz allem so viel bewerkstelligen zu können.

Anja Kaiser würde ihre Kraft gerne an andere Schmerzpatienten weiter geben und ermutigt sie, sich untereinander auszutauschen.

Anja Kaiser wurden ihre Therapien zu viel, weil sie alle Freizeit verschlangen.

Für Anja Kaiser war die Therapie im Thermalwasser sehr angenehm, die Krankengymnastik aber sehr schmerzhaft.

Für Anja Kaiser war es ein wichtiger Lernprozess, ihren Körper nicht mehr als Versager zu sehen.

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