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Helene Reim versucht, Stress zu vermeiden und ihr Leben nicht von der Erkrankung bestimmen zu lassen.

Freunde-  ja, das sollte man tatsächlich nicht machen, sich denen verwehren. Ja gut, also da war ich siebzehn, achtzehn, neunzehn, zwanzig, einundzwanzig, so was in dem Dreh. Halt die Zeit, wo ich Tabletten genommen habe, das [Cortison]. Und das sollte man nicht tun. Tatsächlich, da hab' ich mich selbst bestraft, indem ich mir meine Freunde versagt habe. Das ist wahnsinnig wichtig. Freunde sind wichtig. Ich weiß nicht, ob es typisch ist für so Crohn-, Colitis-Leute. Perfektionismus mit sich selbst, mit seiner Arbeit und so. Das hab' ich schon oft gehört.
Das setzt einen wahnsinnig unter Stress und man muss dann mal auf so ein normales Level runterkommen. Ja, man kann auch mal mit ungekämmten Haaren, und man darf auch mal fünf Minuten zu spät kommen oder zwanzig. Ich war früher so akkurat, dass ich schon mal in der Straßenbahn zwei Stationen vorher-. Ich kannte schon immer auch, wenn ich irgendwo fremd hingefahren bin, die Stationen davor, bevor ich aussteigen muss. Und bin dann immer schon eine davor, wie so ein alter Mensch, der es nicht zur Tür schafft, aufgestanden. Und das macht- hat mich wirklich so-, dann ist mein Puls hoch und so. Wenn es wurde aufregend, wenn ich irgendwie mich beeilen musste, irgendwo gut sein musste, und dieses, so ein Sich-selbst-stressen. Man muss es vielleicht mal ablassen. Ja, es gibt Sachen, die sind egal. Die muss man sich nicht auferlegen, nicht auch noch. Gerade eben unter so widrigen Umständen muss man lernen, die Prioritäten anders zu setzen und sich nicht in allem gut ab abliefern wollen und so. Ich weiß nicht, ob das nur mein Problem ist. Ach, Sie fragten eigentlich nach, wie man es bewältigt. Was ich gelernt habe? Es klingt fast niedlich, aber ich habe mal, auf so einer Kur war ich, da gibt es halt so Kurse, die man immer mitmachen muss. Auch so mit Psychologen sprechen, und die meinte: „Sie müssen einfach sich am Tag drei Sterne gönnen.“ Und dann drei Sterne ist so drei Sachen, völlig egal welche, die ich jetzt für mich mache. Und es geht tatsächlich, geht es in jedem Tag unterzubringen. Ich habe Tage, die sind wirklich stressig. Bin bis um zehn abends auf Arbeit, falle ins Bett und muss am nächsten Tag um acht wieder da sein. Aber da gibt es trotzdem so Momente, dieses: Nein! Ich trinke jetzt meinen grünen Tee. Ja, loses Pulver- Ja, ich muss noch den Filter dazu oben raufmachen oder -. Ich weiß es nicht. Denn wenn man sich diese Momente aber eben als für sich nimmt, rauspickt- Man würde wahrscheinlich trotzdem den Tee trinken. Man würde wahrscheinlich trotzdem sich in der Kantine noch ein Duplo als Nachtisch kaufen. Aber wenn man die einfach wahrnimmt als: Das tue ich jetzt für mich und ich genieße das auch. Das tut mir irgendwie gut. Das hört sich auch an wie Eso-Kram, aber das macht Spaß. Weil man es anders wahrnimmt. Ja, und ansonsten, das bewältigen. Ich glaube, wenn man sich klar macht, dass man erst mal sich hat- Also, ich fühle mich da so ein bisschen wie Körper, mit Innerem aber noch. Ich habe mich, und es gibt halt diese Krankheit, die auch da ist. Aber wenn man sich in solchen Schmerzphasen oder langen Krankheitsphasen nicht selbst verliert-. Also, es ist schwer zu beschreiben. Aber wenn man so ein bisschen bei sich bleibt und nicht versucht aus dem Körper abzuhauen, also zumindest bedingt. Was drin ist, ja nennen wir es Seele oder wie auch immer. Wenn man nicht versucht abzuhauen, sondern sich selbst klar macht, dass man bei sich ist und sich selbst trotzdem noch bestimmt und sich nicht komplett bestimmen lässt. Nein, dass man sich nicht selbst verlieren lässt, dass man jetzt das achte Mal auf Toilette geht, sondern so ein bisschen sich selbst beruhigen kann.

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