Haarverlust

Fast alle unserer Interviewpartnerinnen, die eine Chemotherapie über die Venen verabreicht bekamen, berichten davon, dass ihnen die Haare ausfielen. Die meisten wurden bei der Aufklärung darüber informiert, dass sie ihre Haare circa zwei Wochen nach der ersten Chemotherapiegabe verlieren würden. Einige der Frauen erhielten gleich ein Rezept für eine Perücke. Die Ankündigung des Haarverlustes löste bei vielen unserer Interviewpartnerinnen starke Emotionen aus und führte bei einigen dazu, dass sie sofort mit den Vorbereitungen anfingen und sich die Haare kürzer schneiden ließen oder sich umgehend eine Perücke besorgten. Diesen Erzählerinnen war es wichtig, die Glatze vor dem Umfeld zu verbergen, damit nicht gleich jeder von der Krebserkrankung erfährt.

Einzelnen Frauen fielen die Haare nicht aus. Nicole Bissinger zum Beispiel rasierte sich die Haare ab und stellte dann später fest, dass sie geblieben wären.

Tova Goldblum beschreibt, wie sie sich auf den Haarverlust vorbereitet hat.

In einem Perückenstudio wählten die Frauen meist eine Perücke aus, die ihrem Naturhaar entsprach, einige besorgten sich aber auch verschiedene Perücken, um mit ihrem Aussehen zu experimentieren. Manche Frauen beschlossen, sich aufwendigere Perücken zu kaufen und nahmen damit auch in Kauf, dass sie einen Teil der Perücke selbst bezahlen mussten. Sie fanden, dass man Kassenmodellen ansehe, dass es sich um künstliches Haar handele. Manche Frauen sind mit der Beratung im Perückenstudio sehr zufrieden, andere machen unschöne Erfahrungen.

Annette Huber fühlte sich im Perückenstudio sehr gut beraten.

Marion Pfulding kritisiert die Qualität der Beratung und den Umgang mit dem Thema Krebs im Perückenstudio.

Viele der Erzählerinnen berichten, dass sie zwar wussten, dass ihnen die Haare ausgehen werden, es sie dann aber dennoch überraschte, als es dann passierte. Bei manchen fielen die Haare nach und nach aus, bei anderen auf einmal. Um, wie Sonja Zeiss-Wengler es ausdrückt, nicht nur „mit so ein paar Fransen am Kopf durch die Gegend zu laufen“, rasierten sich viele der betroffenen Frauen die Haare selbst ab, ließen sie von Angehörigen oder Freunden abrasieren oder gingen zum Friseur oder in ein Perückenstudio. Ihre Kopfbedeckung hatten sie meist schon dabei und setzten diese gleich auf.

Auf Rosemarie Berthels Jacke war schon bei der ersten Chemo alles voller Haare.

Katrin Oppelner beschreibt, wie sie vor dem Frühstück zum Friseur ging, um sich eine Glatze rasieren zu lassen.

Nicole Bissinger beschreibt das Abrasieren der Haare als schlimme Erfahrung.

Einige Frauen bezeichnen den Haarverlust als „das Allerschlimmste an der Chemotherapie“ (Link Nebenwirkungen der Chemotherapie). Sie beschreiben es als nicht nur schlimm für sie selbst, sondern auch in der Außenwirkung: Sie fühlten sich durch die Glatze stigmatisiert und als Krebskranke erkennbar. Einige Interviewpartnerinnen berichten, dass sie negative Kommentare aus dem sozialen Umfeld zu hören bekamen. (Link Auseinandersetzung mit Ablehnung, Kränkungen, Schuld- und Schamgefühlen und Sprechen über Krebs). Außerdem erzählen einige Frauen, dass die Glatze von ihren Eltern, dem Partner, der Tochter oder der Enkelin als schlimm empfunden wurde. Manche Interviewpartnerinnen trugen deshalb aus Rücksicht in deren Anwesenheit immer eine Perücke. Einige verloren auch die komplette Körperbehaarung. Darin sahen sie auch positiven Seiten: Dass sie nun glatte Beine hatten und die Körperpflege einfacher gewesen sei. Den Verlust von Augenbrauen und Wimpern empfanden die betroffenen Interviewpartnerinnen allerdings als sehr gravierend, weil ihr Ausdruck so verändert wirke. Einige nutzten das Angebot in Kliniken, der Reha oder bei gemeinnützigen Organisationen, einen Schminkkurs zu besuchen. Andere probierten selbst aus, wie sie den Verlust von Augenbrauen und Wimpern durch Kosmetika ausgleichen konnten.

Miriam Sulz-Brecht wollte mit dem Kinderwagen nicht als Krebskranke erkennbar sein und trug anfangs eine Perücke.

Bianca Winklers sechsjährige Tochter wollte ihre Mutter zunächst nicht mit Glatze sehen.

Einige der Erzählerinnen empfanden es als passend, dass ihr Zustand durch den Haarverlust nach außen sichtbar wurde. Für manche war die Vorstellung im Vorfeld, die Haare zu verlieren, schlimmer, als der Verlust dann tatsächlich erlebt wurde. Einige fanden es interessant, ihre Kopfform sehen zu können und erhielten ermutigende Reaktionen aus ihrem Umfeld, wenn sie sich mit Glatze zeigten. Häufig wurde das als Bestärkung erlebt, offener mit dem Haarverlust umzugehen. Manche versuchten, den Haarverlust mit Humor zu sehen. Als hilfreich empfanden es unsere Interviewpartnerinnen, wenn sie von ihrem Partner Komplimente bekamen. Auch Kinder gaben Zuversicht. Helga Dietrich zum Beispiel war erleichtert, als ihr Sohn ihr über die Glatze strich und sagte: "Mama, du siehst cool aus."

Dagmar Schiffer fand sich mit dem Haarverlust ab und vergleicht ihn mit einem Provisorium bei Zahnersatz.

Tanja Auer fand, dass ihre Glatze gar nicht so schlecht aussah und bekam Bestätigung von anderen.

Nurguel Dogan wird wegen ihrer schönen Kopfform für ein Model für Glatzköpfige gehalten.

Die meisten Interviewpartnerinnen trugen in der Öffentlichkeit eine Perücke, wenige auch zu Hause, um die Glatze zu bedecken. Für einige war es wichtig, dass es für Andere nicht zu sehen ist, dass sie eine Perücke tragen und machten sich viele Gedanken darüber. Sonja Zeiss-Wengler empfand es als Kompliment, dass die Frau an der Kasse beim Einkaufen ihre Frisur schön fand und nach dem Frisör fragte. Sie nahm es zum Anlass, mit ihr über die Erkrankung zu sprechen (Link Sprechen über den Krebs). Für manche der Erzählerinnen kam eine Perücke nicht in Frage und auch die Handhabung mit der Perücke stellte sich bei einigen als schwierig heraus. Manche hatten unangenehme Empfindungen am Kopf, wenn sie ihre Perücke trugen und zogen sich eine dünne Mütze unter der Perücke an. Viele Frauen entschieden sich auch grundsätzlich für andere Kopfbedeckungen wie Tücher, Mützen, Kappen oder Hüte, um die Glatze zu bedecken. Keine Kopfbedeckung in der Öffentlichkeit zu nutzen, kam nur für wenige Interviewpartnerinnen in Frage.

Annette Huber war morgens schnell fertig, hatte aber auch Angst vor dem Verrutschen der Perücke.

Eva Manz fand das Tragen der Perücke mit der Zeit immer schlimmer.

Viele Interviewpartnerinnen wurden kreativ darin, weitere Kopfbedeckungen zu finden: Hüte, Käppies, gehäkelte Kappen mit Ohrenklappen, Schlauchtücher, farblich zur Kleidung passende Tücher, Tücher aus dem Orient, Klapsbänder mit Haaren oder Mützen. Einige der Erzählerinnen bekamen Komplimente für ihre farblichen Kombinationen von Tüchern mit ihrer Kleidung.

Julia Bring erzählt, dass sie Schlauchtücher trug, die sie verschönerte und zu ihrer Kleidung passend machte.

Alle Interviewpartnerinnen waren froh, als die Haare wieder anfingen, zu wachsen. Viele erwarteten diese Zeit ungeduldig. Wie lange es dauerte, bis die Haare wieder kamen, war bei den Frauen ganz unterschiedlich. Bei einzelnen der Erzählerinnen sahen die Haare anders aus als vorher. Heike Tschirner hatte zunächst Locken, was sie als Belohnung für die überstandene Chemotherapie betrachtete, allerdings hielten sie nur für ein Jahr. Annette Huber erzählt, dass ihre Haare „straßenköterblond“ nachwuchsen, Tanja Auer hatte mehr graue Haare. Bei einigen Frauen sind die Haare wieder genau so nachgewachsen, wie sie vorher waren. Auch die Wimpern und Augenbrauen waren bei manchen der Erzählerinnen verändert, als sie endlich nachwuchsen.

Dagmar Schiffer sah den Haarverlust als Chance zum Wechsel zu einer Kurzhaarfrisur.

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