Die Erfahrungen von Sarah Herzberg

Portrait Sarah Herzberg ist zum Interviewzeitpunkt 53 Jahre alt, verheiratet und Mutter von sechs Söhnen. Zwei ihrer Kinder haben ADS, ein Kind ADHS. Im Zuge des Diagnoseprozesses für ihre Kinder wurde Frau Herzberg bewusst, dass auch sie selbst von ADS betroffen ist. Sarah Herzberg war 30 Jahre im medizinischen Bereich tätig. Sie hat einer Veröffentlichung ihres Interviews in der Textversion zugestimmt.

Die drei jüngeren Söhne von Sarah Herzberg sind schon auf den ersten Blick sehr unterschiedlich und haben doch eine Gemeinsamkeit: eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung. Die endgültige Diagnose empfand Frau Herzberg als Erleichterung. Sie hatte schon vorher geahnt, dass etwas nicht stimmt und ihre Kinder teils mehrfach untersuchen lassen. Nun konnte sie ganz sicher sein, dass ihre Jungs nicht „richtig“ krank sind, sondern „nur“ AD(H)S haben: eine, wie sie sagt, Erkrankung in Anführungszeichen, die auch mit positiven Eigenschaften verbunden ist. Wenn sich ihre Söhne für etwas interessieren, sind sie sehr konzentriert; sie sortieren ihre Sachen präzis nach Farben; sie sind gute Beobachter. Ihr fünfter Sohn ist sehr detailverliebt und hat seine Englischlehrerin schon öfters charmant darauf hingewiesen, wenn Nagellack oder Schmuck nicht zum Rest des Outfits passten. Frau Herzberg nimmt das mit Humor: so ist er eben. Sie will sich nicht wie andere Eltern für ihre Kinder schämen und steht offen dazu, Angebote wie etwa die Möglichkeit eines Nachteilsausgleichs in Prüfungen anzunehmen. Sie will verhindern, dass ihre Kinder unter Einschränkungen leiden und rät auch anderen Eltern zu einem offensiven Umgang mit dem Thema und der Inanspruchnahme professioneller Hilfe.

Ihre beiden Kinder mit ADS gehören, wie Sarah Herzberg scherzhaft anmerkt, eher zu den „Schläfertypen“. Einer hat zusätzlich eine Schilddrüsendysfunktion und Übergewicht, der andere ist dagegen sehr sportlich. Bei ihrem sechsten Sohn wurde neben ADS auch Hyperaktivität diagnostiziert. Die Störung war für die Familie Herzberg allein nicht in den Griff zu bekommen. Anfangs versuchten sie, auf Medikamente zu verzichten, und meldeten ihre Kinder zur Ergotherapie an, in der Hoffnung, dass sich dadurch ihre Synapsen wieder neu verbinden würden. Die erwünschte Wirkung blieb aus und als Frau Herzberg den steigenden Leidensdruck ihrer Söhne bemerkte, die schulischen Leistungen sich weiter verschlechterten und ständige Vergesslichkeit zum Problem wurde, entschied sie sich schweren Herzens, den Kindern Medikamente zu geben: Methylphenidat. Die Medikamente führten bei einem ihrer Söhne zu starken Nebenwirkungen: extreme Schlafstörungen, Hautabschuppungen, Bauch- und Kopfschmerzen und Appetitlosigkeit. Außerdem hatte der sportliche Junge, Landesmeister im „Rope Skipping“ (eine Form des Seilspringens), plötzlich Konditionsproblemen und Atemnot.

Sarah Herzberg war selbst über 30 Jahre im medizinischen Bereich tätig. So fiel es ihr leicht, sich Hintergrundwissen zu AD(H)S anzueignen. Sie suchte nach Alternativen zur medikamentösen Behandlung. Gute Erfahrungen machten die Herzbergs mit einer Neurofeedback-Therapie, in denen die Kinder spielerisch lernten, sich zu konzentrieren und ihre Aufmerksamkeit zu fokussieren. Einer der Söhne kann nun wieder ganz auf Medikamente verzichten; ein anderer nimmt nur noch eine sehr geringe Dosis ein.

Dass sie auch selber von ADS betroffen ist, erfuhr Frau Herzberg erst im Erwachsenenalter. Im Rückblick betrachtet sie ihr Leben nun in einem anderen Licht, beispielsweise ihr Bestreben, immer mehrere Jobs nebeneinander zu haben und gleichzeitig noch sechs Kinder aufzuziehen. Die eigene Impulsivität macht es ihr leichter, auch Verständnis für das Verhalten ihre Kinder aufzubringen. Wenn sie auch zugibt, dass die beständige Unruhe sie und ihren Mann manchmal an den Rand der Erschöpfung bringt, zieht sie ein insgesamt positives Fazit: „Bei uns ist definitiv das ganze Leben ein Erlebnis. Jeden Tag aufs Neue.“

Das Interview wurde 07.11.2014 geführt.

Alle Interviewausschnitte von Sarah Herzberg

Beim Übergang vom Kindergarten zur Schule wurden die Symptome von Sarah Herzbergs Sohn besonders deutlich.

Für Sarah Herzberg war die ADHS-Diagnose ihres Kindes eine Erleichterung.

Sarah Herzberg bemerkte bei ihrem Sohn starke Stimmungsschwankungen und sogar suizidale Gedanken.

Der Leistungsdruck in der Schule war der Hauptgrund, warum die Familie von Sarah Herzberg sich für die medikamentöse Therapie entschied.

Die Schulleistungen des Kindes von Sarah Herzberg verbesserten sich deutlich nach dem Beginn der medikamentösen Therapie.

Sarah Herzberg hatte ihren Sohn zum Seilspringen „gezwungen“. Im Nachhinein hat sie das Gefühl, dass ihm diese Sportart sehr gut getan hat.

Viel Bewegung hat keinen Effekt auf Sarah Herzbergs Sohn.

Neurofeedback half einem der Söhne von Sarah Herzberg, komplett auf Medikamente zu verzichten. Ein anderer Sohn hat ebenfalls vor kurzem mit Neurofeedback begonnen.

Sarah Herzberg findet schon, dass AD(H)S eine richtige Erkrankung ist, die Diagnose aber häufig zu frühzeitig vergeben wird.

Sarah Herzberg sieht das Problem in der Unsichtbarkeit der Erkrankung, weshalb sie oft nicht anerkannt werde.

Sarah Herzbergs Kind wurde aufgrund seiner Schwächen so sehr gemobbt, dass er die Schule wechseln musste.

Sarah Herzberg sieht in den Eigenschaften ihres Sohnes gleichermaßen Vor- und Nachteile.

Sarah Herzbergs Sohn erfüllt oft nicht die schulischen Arbeitsaufforderungen, kann aber sehr konzentriert Anderes machen. Und das imponiert auch der Lehrerin, selbst wenn der Unterricht manchmal an ihm vorbeiläuft.

Sarah Herzberg lernte im Laufe der Jahre, auch ihre positiven Eigenschaften besser zu verstehen.

Sarah Herzbergs Sohn hat in der Regel gute Noten in Schule. Er hat aber große Schwierigkeiten, sich zu strukturieren.

Sarah Herzberg schämt sich nicht, dass ihr Sohn etwas mehr Hilfe braucht. Sie hat nun einen Antrag auf Nachteilsausgleich in der Schule gestellt.

Die schulischen Erfahrungen prägen sehr stark das Denken an die berufliche Zukunft. Für Sarah Herzberg ist jetzt schon klar, dass man bei der Berufswahl genau hingucken muss, um nicht später permanenten Frust zu erleben.

Sarah Herzberg erlebt die Störung ihres Kindes als einen täglichen Kampf.

Sarah Herzberg sieht das Partnerproblem gewissermaßen umgekehrt – mit der Brille ihres gesunden Mannes –, der durch die Beziehungsprobleme in der Familie nicht selten an seine Grenzen stößt.

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