Die Erfahrungen von Leopold Ruff

Portrait Leopold Ruff war schon immer etwas unkonzentriert, hielt das allerdings für normal. Schließlich waren auch seine Klassenkameraden oft unruhig. Erst mit dem Wechsel aufs Gymnasium wurden seine Noten schlechter. Nach einer Schlägerei, diagnostizierte man ADS. Er probierte vieles an Behandlungen aus: Tabletten mit Methylphenidat, eine Gesprächstherapie und Neurofeedback. Am Ende stellte er fest, dass nichts wirklich hilft. Nur sein Wille, es aus eigener Kraft zu schaffen! Leopold ist zum Interviewzeitpunkt 14 Jahre alt und hat der Veröffentlichung seines Interviews in der Audioversion zugestimmt.

Weil er es nicht anders kannte, schien es Leopold ganz normal, dass er sich immer „von allem Möglichen“ ablenken ließ. In der Grundschule hatte er keinerlei Probleme. Seine schulischen Leistungen waren mit einem Notendurchschnitt zwischen 2,3 und 2,6 völlig unauffällig. Erst mit dem Übergang aufs Gymnasium stiegen die Ansprüche und seine Noten wurden schlechter. Nach einer Schlägerei mit einem Klassenkameraden schickte ihn sein Lehrer zu einem Kinder- und Jugendpsychologen. Daraufhin wurden verschiedene Tests und Untersuchungen durchgeführt und man diagnostizierte ADS.

Leopold begann eine Gesprächstherapie und eine medikamentöse Behandlung mit Ritalin. Diese Tabletten halfen ihm, sich in der Schule besser zu konzentrieren. Seine Noten wurden wieder besser, aber Leopold und seine Eltern bemerkten auch Nebenwirkungen. So war er oft gereizt. Besonders am Nachmittag, wenn die Wirkung nachließ, wurde er häufig aggressiv. Er machte viel Sport, spielte Basketball im Verein und fuhr regelmäßig Fahrrad mit einem Freund. Das half ihm, ruhiger zu werden. Seine Eltern hatten jedoch grundsätzliche Bedenken und wollten nicht, dass er die Tabletten auf Dauer nimmt. Auch Leopold nahm sie nicht gerne und hatte Angst, sich von ihnen abhängig zu machen. Er setzte sie auf seinen eigenen Wunsch hin ab und merkte: Es geht auch ohne!

Außerdem bekam er in dieser Zeit einen Platz in einer Gruppe zur Neurofeedback-Therapie. An etwa 16 Sitzungen nahm er teil, die Therapie machte ihm allerdings keinen Spaß. Die Aufgaben erschienen ihm sehr kindlich und eintönig. Auch hätte der Therapieerfolg höher sein können, wenn er nicht gezwungen gewesen wäre, die Aufgaben in einer so großen Gruppe zu bearbeiten. In einem einzigen Raum mit fünf bis sechs sehr lauten und jüngeren AD(H)S-lern zu sitzen: das strapazierte seine Konzentration zusätzlich.

Dennoch glaubt Leopold, dass die Therapie etwas gebracht hat. Schließlich hat er jetzt das Gefühl, überhaupt kein ADS mehr zu haben. Im Interview sagt er “Ich kann mich jetzt auf meine Sachen konzentrieren […] Ich kriege alles hin […] der Alltag läuft und die Schule ist auch alles gut.” Er geht jetzt auf eine Realschule, seine Noten sind gut und er muss noch nicht einmal Nachhilfestunden nehmen. In seiner neuen Schule weiß niemand von seiner Diagnose. Am Gymnasium hatte er schlechte Erfahrung mit der Offenheit gemacht. Eine Lehrerin, die über seine Eltern davon wusste, behandelte ihn besonders streng. Unter seinen Mitschülern gilt “AD(H)S-Kind” als ein Schimpfwort.

Wenn Leopold mit Freunden unterwegs ist, merkt er nicht, dass er ADS hat. Als er seinem besten Freund von der Diagnose erzählte, fragte er ihn, ob er etwas davon bemerkt habe. Er beruhigte ihn: „Nein, überhaupt nicht. Du bist eigentlich immer auf das fokussiert, was wir gerade machen“. Von ADS redet er nun nur noch in der Vergangenheit. Er sagt, dass er ganz normal war, wie andere Leute auch, nur dass er Schwierigkeiten mit der Konzentration hatte. Zukünftig glaubt er nicht, noch einmal mit dem Thema konfrontiert zu werden. „Höchstens noch“, fügt er hinzu „wenn ich zum Beispiel jetzt studieren werde oder so und dann Facharzt oder so werde oder vielleicht dann irgendwann, ja.“

Das Interview wurde 29.05.2015 geführt.

Alle Interviewausschnitte von Leopold Ruff

Leopold Ruff war mit seinen Eltern bei einem Psychologen und erzählt über das Testverfahren.

Leopold Ruff sieht die Medikamente lediglich als eine Art Unterstützung.

Sport schafft den nötigen Ausgleich, so Leopold Ruff.

Leopold Ruff berichtet über seine Erfahrungen mit Neurofeedback.

In der Therapie über die eigenen Probleme reden zu können, empfand Leopold Ruff als sehr hilfreich.

Für Leopold Ruff sollte AD(H)S als Erkrankung akzeptiert werden, um spätere negativen Folgen einer unbehandelten AD(H)S zu verhindern.

Für Leopold Ruff können nur Personen, die keine AD(H)S haben, Zweifel an der Existenz der Erkrankung haben.

Leopold Ruff erlebt immer wieder, dass die Bezeichnung „AD(H)S-Kind“ in der Schule als Beleidigung benutzt wird.

Leopold Ruff erhielt kein Verständnis von seiner Lehrerin und fühlte sich sogar diskriminiert.

Leopold Ruff glaubt, dass ein starker Wille gerade bei AD(H)S helfen kann.

Leopold Ruff fühlte sich aufgrund seiner Störung von der Lehrerin „anders“ behandelt.

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